Vorwort
Kopf-Fussler

Dies ist keine „lustige“ Kinderzeichnung.
Dies ist keine Sonne.

So sieht ein knapp 5-jähriges
Kind mit Wahrnehmungsstörungen
seine Mutter: als sogenannten Kopf-Füssler.

Die unteren zwei Striche sind
die Beine.
Die oberen die Haare.
 

Was sind Wahrnehmungsstörungen?

Drei Beispiele:

David geht auf einem Spaziergang mit seinem Vater durch eine Unterführung. Er hält sich am Geländer fest. Eine entgegenkommende, alte Frau hält sich ebenfalls am Geländer, David weicht nicht aus. Die Frau schimpft lauthals über den unerzogenen, unanständigen Buben.
Wäre die Frau nicht ausgewichen, wäre David in sie hineingelaufen. Er hat die Frau gesehen, aber nicht wahrgenommen. Er kann von sich aus das Problem mit der auf ihn zukommenden Frau nicht lösen.

* * * *

Andrea freut sich, als ihre Schwester vom Kindergarten heimkommt. Vor lauter Freude packt sie die Haare ihrer Schwester. Sie reisst daran, und reisst stark. Auf das Geschrei der Schwester kommt der Vater dazu. Jetzt lässt Andrea los, packt aber den Vater um den Hals, erwischt seine Haare und zerrt ebenfalls so stark, dass es ihm weh tut.
Andrea will aber gar nicht weh tun. Sie kann jedoch ihre Bewegungen nicht fein dosieren. Diese ausgeprägte Schwierigkeit im sozialen Verhalten wirkt sich für das Kind, das doch seine Freude, seine Liebe ausdrücken will und dabei zurückgestossen wird, frustrierend aus. Dies ist auch eine enorme Belastung für die Umgebung.

* * * *

Laura kommt aufgeregt von der Schule nach Hause und erzählt der Mutter: “Hüt i de Schuel a Decki ufezoge!” Die Mutter erkundigt sich bei der Lehrerin, was dies wohl zu bedeuten habe. Diese versichert der empörten Mutter, dass die Kinder in der Turnstunde nur gerade soweit an den Ringen hochgezogen worden seien, dass die Zehen den Boden nicht mehr berührten. Die Mutter ermahnt Laura, mit der ständigen Lügerei aufzuhören.
Als die Therapeutin des Zentrum für Wahrnehmungsstörungen von dieser Begegnung hört, konnte sie die Mutter insofern beruhigen, als sie ihr sagen konnte, dass Laura nicht einfach lügt.
Aufgrund ihrer Wahrnehmungsstörungen gerät sie nämlich beim Verlust der sicheren Unterlage rasch in Panik. Das Kind, das die Distanzen nicht abschätzen kann, erlebt das Verlieren des sicheren Bodens unter seinen Füssen so stark, als ob es bis zur Decke hochgezogen worden wäre.

nach oben springen...